Die begleitende Psychotherapie der Bezugspersonen

 

 

In der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie haben wir es nicht mit autonomen Individuen zu tun. Kinder und Jugendliche sind in Entwicklung und deshalb noch angewiesen auf und abhängig von ihren „Sorgeberechtigten“. Die Eltern sind die bedeutungsvollen Bezugspersonen für ihr Kind. Entwicklung, unauffällige ebenso wie auffällige, ist immer nur in ihrer sozialen Einbettung verstehbar, im Kontext von Familie und Lebenswelt oder anderen spezialisierten Sozialisationseinrichtungen.

Der Feuerdrache

Diese unterschiedlichen, in der Kindertherapie aktuell wirksamen Kontexte, wie Kindergarten, Schule, Freunde, Familie oder Nachbarschaft, können Entwicklungsmöglichkeiten fördern, begrenzen oder verunmöglichen. Wenn aber die Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter nicht nur in biologischen und personalen Bedingungen wurzelt (Vulnerabilitäten und Resilienzen, besondere Risiko- und Schutzfaktoren), sondern auch von familiären und sozioökologischen Bedingungen abhängig sind, muss im therapeutischen Kontext nicht nur das Kind oder der Jugendliche als Patient Berücksichtigung finden, sondern auch das soziale Gefüge des Patienten mitbetrachtet und mitbehandelt werden. Dabei gilt die Faustregel: je jünger ein Kind ist, umso verflochtener ist in der Regel seine Problematik. Oft sind Geschwisterkinder direkt oder indirekt betroffen, oder das weitere soziale Umfeld involviert.

Revanche

Eine fachkundige Kinderpsychotherapie kann daher nicht ohne konkrete indikationsbezogene Einbeziehung der Bezugspersonen gelingen und der Blick einer Kinderpsychotherapeutin schließt das soziale Umfeld, seine Beziehungen und dynamischen Bewegungen, und die immer in Bezug auf den kindlichen oder jugendlichen Patienten, notwendigerweise von Anfang an mit ein: Sie werden gebraucht zur Berichterstattung aus dem Alltag des Kindes ebenso wie zur fremdanamnestischen Ergänzung. In diesen Gesprächen wird aber auch daran gearbeitet,dass die Eltern oder anderen bedeutsamen Bezugspersonen das Kind und seine Schwierigkeiten ebenso wie das Kindliche überhaupt, aber auch ihre eigenen Probleme in der Beziehung zum Kind besser wahrnehmen und zunehmend verstehen. Manchmal geht es auch um grundlegende familiendynamische und erzieherische Umstellung mit dem Ziel angemessenerer Einlassung und Ermöglichung kindlicher Entwicklung.

 

Überdies können belastbare Beziehungen zwischen Behandler und Kind nur gut eingefädelt werden, wenn es gelingt, den Eltern ihren Platz im Geschehen zuzuordnen und alle Beteiligten für die Behandlung und ihre Zielsetzung zu gewinnen. Es sind die Eltern, die den Behandlungsauftrag erteilen und für die Einhaltung des Settings garantieren! Um ein tragfähiges Arbeitsbündnis zu etablieren, ist es mithin nicht nur notwendig, das Kind, sondern darüber hinaus auch die Eltern zu gewinnen. Infolge der besonderen Loyalität von Kindern ihren Eltern gegenüber, entscheidet nicht zuletzt die tatsächliche elterliche Haltung und Einstellung der Psychotherapie gegenüber über Sicherstellung, Erfolg und Misserfolg der Behandlung. Eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern erscheint mir darüber hinaus bestens geeignet, zu verhindern, dass sich der Therapeut in eine Allianz mit dem ‚armen Kind’ verirrt, und sich (wenn vielleicht auch unbewusst) gegen ‚die unfähigen Eltern’ positioniert.

Diese Arbeit mit den Eltern ist ebenfalls Kassenleistung und erfolgt meist im Verhältnis 1:4. Sie ist mindestens genauso facettenreich und anspruchsvoll wie die Therapie mit dem Kind selbst. Arbeit mit den Bezugspersonen und -feldern erfordert über das Psychotherapeutische hinausgehendes sozialpsychologisches, soziologisches und sys-temisches Wissen: Wir haben es mit getrennten, geschiedenen, Patchwork- oder Ein-Eltern-Familien zu tun, die mehr oder weniger ambitioniert, kommunikationsfähig, zerstritten oder erziehungsfähig sind. Oft leben alle in ‚schwierigen Verhältnissen’, und wir treffen zusätzlich auf eine Häufung von Problemlagen.

Manche Eltern sind somatisch oder psychisch schwer krank, andere gewalttätig oder süchtig. Zunehmend mehr Kinder und Jugendliche kommen aus Familien mit Migrationshintergrund und bringen ganz spezifische Erfahrungen und kulturelle, erzieherische und familiäre Hin-tergründe mit in die Behandlung. In jedem Fall muss die begleitende Psychotherapie der Bezugspersonen immer neu den personalen, kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten im Einzelfall angepasst und gegebenenfalls modifiziert werden.

 

Der Sorgenbaum

Während die Darstellung psychotherapeutischer Techniken und medikamentöser Maßnahmen in der Literatur und in den Medien viel Raum einnimmt, bekommen die ‚sonstigen psychosozialen Interventionen’ und sozialtherapeutischen Überlegungen, die Abstimmungen und Beratungen mit Kindergarten, Schule, Betreuungen, Tagesstätten und Heimen, mit Jugend- und Sozialämtern, mit Beratungsstellen und Kliniken viel zu wenig Beachtung. Kooperationen mit Institutionen wie dem Jugendamt, der Schulbehörde sowie den mitbehandelnden Kinderärzten, Kinder- und Jugendpsychiatern, Frühförder- und Erziehungsberatungsstellen, den Sozialpädiatrischen Zent-ren und Kliniken gehören heute selbstverständlich zum Arbeitsalltag einer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Somit muss ein Kindertherapeut nicht nur über soziale Kompetenz, emotionale Intelligenz, Empathie und Fingerspitzengefühl im Umgang mit Kindern und ihren Familien verfügen, sondern auch über die Fähigkeit, umfangreiche Informationen aus ganz unterschiedlichen Quellen zu eruieren, zusammenzuführen und theoretisch kritisch zu reflektieren, um sie therapeutisch nutzen und gleichzeitig bewahren zu können.