Entstehung psychischer Erkrankung

 

Beginnend mit den Arbeiten Sigmund Freuds hat die Psychoanalyse in den vergangenen 100 Jahren das Unbewusste als einen wichtigen Motor des Seelenlebens systematisch erforscht, und nicht nur ein höchst aktuelles Modell für das Funktionieren und Wirken unseres Gefühlslebens zu Verfügung gestellt, sondern auch ein individualisiertes, auf Zuhören, Beziehung und Verstehen basierendes Behandlungskonzept entwickelt und sich der Entstehung seelischer Störungen gewidmet.

Schon die Pioniere der Kinderpsychotherapie hatten in den 1920-er Jahren auf die exklusive Bedeutung der frühen Kinderjahre für unser seelisches Wohlergehen hingewiesen. Dieses Wissen wurde nach dem Krieg vertieft und konkretisiert durch systematische Verhaltensbeobachtungen an gesunden Säuglingen und durch die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung. Der herausragende Stellenwert einer frühen Prägung für die menschliche Entwicklung ist heute unumstritten. Das bedeutet aber nicht, dass die folgenden Entwicklungsalter eines Menschen unwichtig wären, sondern vielmehr, dass Belastungen und Störungen der kindlichen Entwicklung, je früher, wiederholter, langfristiger sie stattfinden, umso nachhaltiger wirken, d.h. auch, umso schwerer behandelbar sind. Heute geht man davon aus, dass psychische Erkrankung sich in einer langen und komplexen Verschränkung von Lebensgeschichte und Krankengeschichte prozesshaft entwickelt. Psychisch störend scheint sich vor allem auszuwirken, wenn die Passung nicht stimmt zwischen:

  •  Entwicklungsaufgaben des Kindes (z.B. Trotzphasen,Schulpflicht, Pubertät),
  • seinen Potenzialen (Intelligenz, emotionale und soziale Fähigkeiten und Fertigkeiten u.a.m.)
  • den besonderen Erwartungen und Anforderungen seiner Umwelt und
  • den konkreten Anregungen und Hilfestellungen, die es in seiner Lebenswelt vorfindet.

Dabei ist der Normalfall, dass sich ein Kind zwischen pathologischen und nichtpathologischen Formen des Funktionierens hin und her bewegt: Kein Kind ist umfassend, also nur psychisch gestört! Kein Kind ist immer und total gesund!

 

Psychische Erkrankung kann man sich wie ein komplexes Verwobensein von einer Vielzahl möglicher Verursachungsmechanismen vorzustellen,

  •  von biologischen (Hirnschädigungen, chronische Erkrankungen usw.) und
  • psychosozialen Risikofaktoren, wie mangelnder Einfühlung und Missverstehen,unterlassener Hilfeleistung, Vernachlässigung, Misshandlung und Traumatisierung, z.B. als Folge bedrückender sozialer und ökonomischer Problemlagen, oder psychischer Störungen der Eltern.

Der Einfluss dieser Faktoren auf die Entwicklung eines Kindes ist im Einzelfall alles andere als eindeutig und gradlinig. Die Bedeutung und der Wirkung der Einflussfaktoren ist immer auch abhängig von der Vulnerabilität, der Anfälligkeit des Kindes oder Jugendlichen gegenüber ungünstigen äußeren Einflüssen, seiner Verletzlichkeit. Auch sogenannte Entwicklungsübergänge wie eine Geschwistergeburt, Eintritt in den Kindergarten, Einschulung u.v.m. können eine besondere Herausforderung für die individuelle Entwicklung darstellen. Schutzfaktoren dagegen, z.B. Persönlichkeitseigenschaften (Temperament, Geschlecht und Intelligenz) oder Gegebenheiten des Familienmilieus (Verständnis, Hilfe und Zusammenhalt) getragen von unterstützenden sozialen Gegebenheiten (infrastrukturelle Gegebenheiten und Hilfen, Qualität von Schule) können die bezeichneten ungünstigen Wirkprozesse normalisierend abfedern.

Es gibt daher keine Möglichkeit der Vorhersage! Auf dem Hintergrund psychischer Widerstandsfähigkeit oder eskortiert durch einen wohlmeinenden hilfreichen Erwachsenen können sich Kinder trotz bestehender, manchmal dramatischer Risiken im Lebenslauf positiv entwickeln!